Gastbeitrag von Christel Schollmeyer geb. Wieczorek

Mit dem Bau der Nordbrücke wurde auch das Knusperhaus gebaut. Es war mit der Brücke verbunden. Der Laden füllte das ganze Erdgeschoß aus. Betrat man ihn, so stand man nach ein paar Schritten vor der Verkaufstheke. Angeboten wurden in der Hauptsache Süßigkeiten wie Bonbon, Schokolade, Konfekt auch Kekse; außerdem Zigaretten, Zigarren, Zeitungen und im Sommer auch Eis. In der linken Ecke stand ein Tisch mit einer Eckbank. Hier konnten eilige Kunden Kaffee trinken oder eine Tasse heiße Schokolade, auch mal nur ein Glas Milch oder Limonade. Im Hintergrund stand ein großer Kühlschrank. Dieser wurde mit Stangeneis gekühlt. Ein Rollkutscher lieferte jeden Tag mehrere Eisstangen. Das Eis wurde auch zur Speiseeis-Zubereitung gebraucht. Im Sommer drehte sich ein großer Kessel in einem Bett mit Viehsalz versetzten, zerkleinerten Stangeneis. Zur Kaffeestube führte außen eine Treppe ins Untergeschoß. Oben zeigte ein „steinerner Zwerg“ den Weg hinunter. Dieser Zwerg wurde in der Silvesternacht meistens entführt. Wir mußten ihn suchen und wenn wir ihn wieder gefunden hatten, zeigte sich, daß mit ihm nicht gerade sanft umgegangen wurde. Einmal waren der Zeigefinger und die Nasenspitze abgebrochen. Ein andermal fehlte der ganze Arm. Nach einer Reparatur wurde er frisch gestrichen und wieder aufgestellt. In der Kaffeestube zierte ein auf die Wand gemaltes Landschaftsbild den Raum. Von hier aus ging es in einen großen Flur und auch zur Küche. Die Küche wurde unter den Bürgersteig gebaut. Durch die Fenster in der Kaffeestube und Küche konnte man auf die Neiße blicken. Innen führte eine Treppe nach oben in den Laden, diese wurde aber nur vom Personal benutzt. Der Flur bekam Tageslicht über die Treppe. Geheizt wurde die Gaststube von einem Kachelofen. In der Küche stand ein Herd. Mit diesem wurde im Winter mit Kohle und Holz geheizt und gekocht. Im Sommer kochte meine Mutter mit Gas.

Auf der anderen Straßenseite stand, baugleich, eine Bedürfnisanstalt. Hier befanden sich im Untergeschoß unsere Schlafräume und auch zwei Lagerräume, durch die man gehen mußte um in die kleine Stube zugelangen, in welcher unser Personal wohnte. Dieser Raum lag wie die Küche unter dem Gehweg. Von einem Lagerraum konnte man über eine Falltür in den Keller. Hier wurden nur die Kartoffeln und die Kohlen gelagert.

Meine Eltern pachteten 1930 das Knusperhäuschen. Das Hauptgeschäft war von der Jahreszeit abhängig. Im Frühjahr wurden Tische und Stühle auf dem Gehweg aufgestellt. Berankte Blumenkästen bildeten eine Sichtblende zur Strasse. Auch im Untergeschoß standen Tische in einer Laube. Zur Zeit der Baumblüte reichten die Plätze oft nicht aus. Sonderzüge brachten Gäste aus Berlin oder Breslau, die vom Bahnhof über die Brücke in die Berge wanderten. Auf dem Hin- und Rückweg wurde hier die erste bzw. letzte Rast gemacht. Bald sprach sich herum, daß im Knusperhaus ein sehr guter Kaffee ausgeschenkt wurde. Somit kehrten auch die Spaziergänger, die in den Königspark gingen, ein.

In jedem Jahr meldete sich eine Faltbootgruppe an. Sie paddelten die Neiße von Ratzdorf rauf und lagerten auf der Wiese an der Neiße. Sie brachten Hunger und Durst mit. Bei Kaffee und Kuchen oder Kartoffelsalat mit heißer Wurst, konnten sie sich stärken.

Der Winter war eine ruhige Zeit, da kehrten einige Stammkunden ein. Ein großer Tannenbaum schmückte zur Weihnachtszeit die Gaststube. Dann war der Verkauf im Laden größer. Unser Personal bestand aus zwei Mädchen. Sie waren hauptsächlich für die Bedienung im Kaffee eingestellt und hatten Familienanschluß. Meine Mutter öffnete sehr zeitig den Laden. Über die Brücke gingen in der Frühe die Arbeiter zu den Fabriken. Es waren die ersten Kunden, gefragt waren dann Zigaretten und Zeitungen. Auf dem Heimweg wurde auch schon mal etwas Süßes gekauft. Am Abend fanden sich öfter Skatspieler ein. Diese bediente mein Vater, denn diese Runden dauerten meist bis in die späten Nachtstunden.

Das Familienleben spielte sich neben dem ganzen Ladenbetrieb ab. Die Mahlzeiten wurden in der Küche gegessen. Für unseren privaten Bereich hatten wir nur die große Schlafstube. Ja, es gab auch kein Badezimmer. Man wusch sich in einer Schüssel im Schlafzimmer und für uns Kinder war am Samstag Badetag in der Küche. Die Erwachsenen gingen in die Stadt zur Badeanstalt. Wir hatten auch keine Waschküche. Die kleine Wäsche wurde in der Küche gewaschen und für die große Wäsche wurde eine Waschküche gemietet, die sich auf der anderen Seite der Neiße befand. An einem Tag wurde die Wäsche eingeweicht und vorgewaschen. Am zweiten Tag gekocht und mit einem „Stampfer“ bearbeitet. So ein Gerät kennt man jetzt nicht mehr. Die gewaschene Wäsche wurde mit dem Leiterwagen nach Hause gebracht und auf der Wiese, an der Neiße, zum trockenen aufgehängt. So war das in Friedenszeiten. Neun schöne Jahre lang.

Bei Ausbruch des Krieges wurden die Süßigkeiten und der Kaffee rationiert und nur noch über Lebensmittelmarken verkauft. Die Zuteilungen waren knapp. Mein Vater mußte 1939 zu den Soldaten. Da wurde das Knusperhäuschen geschlossen. Im letzten Kriegsjahr wurden die Lager- und Schlafräume beschlagnahmt und Familien einquartiert. Kochen durften sie in unserer Küche. Unsere Familie lebte jetzt im Knusperhaus. Es war für alle sehr bescheiden. 1945 wurde die Brücke gesprengt und mit Ihr auch die Häuser zerstört.

Christel Schollmeyer, geb. Wieczorek Heilbronn, Januar 2011

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